Hochmut kommt vor dem Fall. [1]

驕兵必敗
kyōhei hippai
Eine Niederlage ist unvermeidlich für ein zu selbstsicheres Heer.
Selbstgefällige Soldaten gehen unter.
Hochmut kommt vor dem Fall.

驕兵必敗
kyōhei hippai
Defeat is inevitable for an overconfident army.
An arrogant army is bound to lose.
Pride comes before a fall.

Anmerkung
Die chinesische Fassung des obigen Vier-Schriftzeichen-Kompositums legt einen etymologischen Zusammenhang nahe: 驕兵必敗 [骄兵必败] jiāo bīng bì bài.

Die alttestamentliche Version von „Hochmut kommt vor dem Fall.“ aus den Sprüchen Salomos (Kapitel 16, Vers 18) [dt. Wer zu Grunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall; lat. contritionem praecedit superbia et ante ruinam exaltatur spiritus] lautet in japanischer Übersetzung schlicht: おごりは没落の前に現れる。 [Ogori wa botsuraku no mae ni arawareru].

Eine allgemeine japanische Version ohne chinesischen und biblischen Bezug lautet: 驕れる者久しからず。 [Ogureru mono hisashikarazu].

Eine andere japanische Variante mit Bezug zur mittelalterlichen Geschichte Japans, als die Minamoto und die Taira (Heike) bis zur endgültigen Niederlage um die Vorherrschaft im Land kämpften (1185), lautet: 驕る平家は久しからず。 Ogoru Heike wa hisashikarazu. [Der hochmütige Taira-Clan ging bald unter. = Hochmut kommt vor dem Fall.]

Es ist nicht genug zu wissen

「知識だけでは十分ではない、やはり応用してみなくてはならない。意欲だけでは十分ではない、やはり行動してみるしかない。」
(ヨーハン・ヴォルフガング・フォン・ゲーテ、1749年~1832年)
Chishiki dake de wa jūbun de wa nai, yahari ōyō shite minakute wa naranai. Iyoku dake de wa jūbun de wa nai, yahari kōdō shite miru shika nai.
“Knowing is not enough, we must apply. Willing is not enough, we must do.”
„Es ist nicht genug zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muß auch tun.“ (Johann Wolfgang von Goethe, 1749–1832)

Nón satis ést cognóscere rérum natúram. Decét nos
íntelligénter utí quáe mente cóncepimús.
(Distichon von Dr. Thomas Vielhaber)

Wer viel spricht, handelt wenig.

「多弁能なし」
Taben nō nashi
Große Worte und nichts dahinter.
Viele Worte, wenig Taten.
Wer viel spricht, handelt wenig.
[William Shakespeare, Richard III., 1. Akt, 3. Szene]

「多弁能なし」
Taben nō nashi
Great talkers are little doers.
A barking dog is never a good hunter.
Talkers are no good doers.
[William Shakespeare, Richard III, Act 1, Scene 3]

Anmerkung
Die deutsche Übersetzung des Shakespeare-Zitats “Talkers are no good doers.” = „Wer viel spricht, handelt wenig.“ [First Murderer: Tush! / Fear not, my lord, we will not stand to prate; / Talkers are no good doers: be assured / We come to use our hands and not our tongues.] stammt aus: Englisch-Deutsches und Deutsch-Englisches Wörterbuch von Newton Ivory Lucas, ordentlichem Lehrer an der Hauptschule zu Bremen. In zwei Bänden. Band I. Englisch-Deutsch. Zweite Abtheilung. L – Z. Bremen: C. Schünemann’s Verlag|London: Longman, Brown, Green and Longmans, 1856, S. 1740.

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. [2]

人を呪わば穴二つ
Hito o norowaba ana futatsu
Wer jemanden verflucht, gräbt zwei Löcher.
Wenn man jemanden verwünscht, schaufelt man zwei (Grab-) Löcher (davon eins für sich).
Corvus corvo negridinem obiecit.
Ein Rabe wirft dem (anderen) Raben seine Schwärze vor.
Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? (Mt 7,3)
Wer selbst im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.
Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

人を呪わば穴二つ
Hito o norowaba ana futatsu
If you curse someone, there are two holes.
Curses, like chickens, come home to roost.
Curses return upon the heads of those that curse.
Harm set, harm get.
The biter will be bitten.
Who spits against heaven, it falls in his face.
People who live in glass houses should not throw stones.

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. [1]

猿の尻笑い
Saru no shiriwarai
Ein Affe (mit rotem Hintern) lacht über den (roten) Hintern des anderen.
Da redet der Topf über den Tiegel.
Ein Esel schimpft den anderen Langohr.
Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

猿の尻笑い
Saru no shiriwarai
A monkey (with red buttocks) laughs at another’s (red) buttocks.
The pot calling the kettle black.
Don’t throw bricks when you live in a glass house.
People who live in glass houses should not throw stones.

Kleinvieh macht auch Mist.

「塵も積もれば山となる」
Chiri mo tsumoreba yama to naru
Selbst Staub wird zum Berg, wenn er sich anhäuft.
Aus kleinen Samen wachsen die größten Bäume.
Aus Kleinem kann etwas Großes wachsen.
Alle großen Dinge haben bescheidene Anfänge.
Kleinvieh macht auch Mist.

「塵も積もれば山となる」
Chiri mo tsumoreba yama to naru
Even dust, when piled up, will become a mountain.
From little acorns grow large oak trees.
A penny saved is a penny earned.
Many a little makes a mickle.
Every little counts.

Anmerkung
Das Sprichwort steht auf der 8. von 48 Karten des traditionellen japanischen Iroha-Kartenspiels von Edo (Edo Iroha Karuta), heute Tokyo.

Im Alter

老いては子に従え
Oite wa ko ni shitagae
Wenn man alt ist, soll man auf die Ratschläge seiner Kinder hören.
Alte sollten auf den Rat ihrer Kinder hören.
Im Alter hör auf die Kinder.

老いては子に従え
Oite wa ko ni shitagae
When you get old, you had better take your children’s advice.
When you are old, be guided by your children.
When old, obey your children.

Anmerkung
Dieses Sprichwort steht auf der 12. von 48 Karten des traditionellen Iroha-Kartenspiels von Edo (Edo Iroha Karuta), dem heutigen Tokyo.

Not kennt kein Gebot. [2]

必要の前に法律なし
Hitsuyō no mae ni hōritsu nashi
Necessitas non habet legem.
Noth hat kein Geboth.
Not kennt kein Gebot.

必要の前に法律なし
Hitsuyō no mae ni hōritsu nashi
Necessitas non habet legem.
Necessity has no law.
Necessity knows no law.

Form versus Inhalt

花より団子
Hana yori dango
Knödel sind besser als Blumen.
Der Bauch ist mir näher am Herzen als das Hirn.
Praktische Werte sind wichtiger als Ästhetik.
Der Inhalt ist wichtiger als die Verpackung.
Form ist wichtig, aber Inhalt ist wichtiger.
„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“
(Bertolt Brecht, Die Dreigroschenoper, 1928)

花より団子
Hana yori dango
Dumplings are better than flowers.
First comes a full stomach, then comes ethics.
“Grub first, then ethics.”
(Bertolt Brecht, The Threepenny Opera, 1928)

Anmerkung
Dieses Sprichwort steht auf der 3. von 48 Karten des traditionellen Iroha-Kartenspiels von Edo (Edo Iroha Karuta), dem heutigen Tokyo, und Osaka (Osaka Iroha Karuta), das vorzugsweise um Neujahr gespielt wurde und wird.

Das Böse und das Gute

邪は正に敵し難し
Ja wa sei ni tekishigatashi
Virtue triumphs over vice in the end.
Das Böse kann nicht über das Gute triumphieren.

Anmerkung
»Das Gute« und »Das Böse« sind zwei exakte und zugleich unscharfe Begriffe für ganz grundsätzlich mit einem Plus- und Minuszeichen versehene, inhaltsleere Totalabstraktionen des sittlich Wertvollen und moralisch Erstrebenswerten sowie des Gegenteils. Wenn politisch Mächtige Anleihen aus Religion und Philosophie nehmen und einen Kampf von Gut gegen Böse ausrufen und weitere antagonistische Totalabstraktionen titels »Freiheit« versus »Unfreiheit«, »Unterdrückung« und »Herrschaft«, die man stets nur im anderen, gegnerischen Lager entdeckt, ausmachen, sind ein kühler Kopf und geistige Distanz gefragt. Die argumentfrei-optimistische Behauptung „Das Böse kann nicht über das Gute triumphieren.“ ist und bleibt ein abstrakter, falscher, frommer Wunsch und paßt möglicherweise zu zwei Zitaten von Onkel Nolte, der schopenhauernd und pharisäernd im Epilog in „Die Fromme Helene“ von Wilhelm Busch (1832–1908) Folgendes in den Mund gelegt bekommt:

„Das Gute — dieser Satz steht fest —
Ist stets das Böse, was man läßt!“

„Ei ja — Da bin ich wirklich froh!
Denn, gottseidank! Ich bin nicht so!!“

Quelle: Wilhelm Busch: Die Fromme Helene. Erste Auflage. Heidelberg: Bassermann, 1872. Epilog, S. 113.