Glück im Unglück, Unglück im Glück

「人間万事塞翁が馬」
Ningen banji sai ō ga uma
Alles im menschlichen Leben ist wie die Geschichte vom Pferd des alten Mannes.
In allem Schlechten liegt das Gute im Ansatz schon verborgen.
Es hat alles sein Gutes.
Glück kann jederzeit in Unglück umschlagen und umgekehrt.
Glück und Unglück liegen nahe beieinander.
Glück im Unglück, Unglück im Glück.

「人間万事塞翁が馬」
Ningen banji sai ō ga uma
Everything in human life is like the story about the horse of the old man.
Misfortune begets fortune, and fortune begets misfortune.
A setback may turn out to be a blessing in disguise.
Every cloud has a silver lining.
A joyful evening may follow a sorrowful morning.
Joy and sorrow are today and tomorrow.

Anmerkung
Die obengenannte japanische Redewendung stammt ursprünglich aus China und ist eine sprichwörtliche Redensart [ch. chéngyǔ 成语 / 成語, jp. seigo], die auf einer alten Begebenheit [ch. gùshì 故事, jp. koji seigo 故事成語] beruht. Auf Japanisch kann Ningen banji sai ō ga uma「人間万事塞翁が馬」 auch Sai ō ga uma 「塞翁が馬」 abgekürzt werden. Und ningen 「人間」 kann auch jinkan gelesen werden. Chinesischen Grund- und Mittelschülern begegnet das obenstehende Gleichnis der untenstehenden Erzählung in etwa wie folgt: „War es nicht letztlich ein Glück, dass dem Alten an der Grenze sein Pferd davonlief?“ [「塞翁失马,焉知非福」 Sài wēng shī mǎ, yān zhī fēi fú]. Die Parabel kann daher auch frei „Glück im Unglück, Unglück im Glück“ übersetzt werden.

Kurze Zusammenfassung: Im alten China wohnte im nördlichen Grenzland in der Nähe einer Festung ein älterer Mann, der sich auf Zeichendeutung verstand. Sein Pferd entlief ihm eines Tages in das Gebiet der Xiongnu 匈奴 [ch. Xiōngnú, jp. Kyōdo], einem Volk von Reiternomaden. Die Leute hatten Mitleid mit ihm, aber er glaubte fest an eine positive Wendung: Das Glück wird mir bald wieder lachen. Und tatsächlich. Nach einiger Zeit kam sein Pferd zusammen mit einem anderen, viel edleren Pferd aus dem Gebiet der Xiongnu zurück. Die Leute beglückwünschten ihn wegen des rassigen Pferdes, und er dachte deshalb bei sich: Das wird nicht gut enden. Und so kam es auch. Als sein Sohn eines Tages auf dem neuen Pferd ritt, fiel er herunter und brach sich ein Bein. Als die Leute ihm einen Krankenbesuch abstatteten und ihn bedauerten, dachte der Greis bei sich: Das Unglück wird sicher bald wieder in Glück umschlagen. Und so kam es auch. Als die Xiongnu später im Grenzgebiet angriffen, wurde sein Sohn als Kranker nicht zum Kriegsdienst eingezogen, sondern davon befreit und wurde deshalb weder verletzt noch getötet, wie die meisten waffentauglichen Freiwilligen damals.

Als ursprüngliche Quelle der sprichwörtlichen Redensart aus dem Gleichnis gilt das chinesische philosophische Werk Huainanzi [ch. Huáinánzǐ 《淮南子》, jp. Enanji/Wainanji 『淮南子』] der Frühen Han-Dynastie (206 v.u.Z.–8 n.u.Z.). Ursprünglich wurde es als Honglie [ch. Hóngliè《鴻烈》] bezeichnet, ist aber auch bekannt unter den Werktiteln Huainan honglie [ch. Huáinán hóngliè 《淮南鴻烈》], Huainan neipian [ch. Huáinán nèipiān 《淮南內篇》], Huainan wangshu [ch. Huáinán wángshū 《淮南王書》] und Liuanzi [ch. Liúānzǐ 《劉安子》]. Der letztgenannte Liu An 劉安 (179–122 v.u.Z.) [ch. Liú Ān, jp. Ryū An] war der König von Huainan, heute eine Millionenstadt in der südöstlichen Binnenprovinz Anhui, und fungierte als gelehrter König zugleich als leitender Herausgeber des großenteils daoistischen Werkes, mit konfuzianischen und legalistischen Einschlägen.

Kinder sind die Reichtümer des armen Mannes.

律儀者の子沢山
Richigimono no kodakusan
Ehrliche und fleißige Männer haben viele Kinder.
Kinder sind die Reichtümer des armen Mannes.

律儀者の子沢山
Richigimono no kodakusan
Honest and hardworking men have many children.
Children are poor men’s riches.

Anmerkung
Die sprichwörtliche Redensart 「律儀者の子沢山」 [Richigimono no kodakusan] wird bisweilen auch 「律義者の子沢山」 geschrieben und steht auf der 9. von 48 Karten des traditionellen japanischen Iroha-Kartenspiels von Edo (Edo Iroha Karuta), heute Tokyo. Ein modernes Anwendungsbeispiel: 「課長の子供は五人兄弟だそうだ。律義者の子だくさんというやつだね」 Kachō no kodoma wa gonin kyōdai da sō da. Richigimono no kodakusan to iu yatsu da ne. Auf Deutsch etwa: „Es heißt, der Abteilungsleiter habe fünf Kinder. Ein ehrlicher und fleißiger Kerl mit vielen Kindern eben, wie er im Buche steht.“

Alles ist vergänglich.

世の中は三日見ぬ間の桜かな
Yo no naka wa mikka minu ma no sakura ka na
Diese Welt ist wie Kirschbäume, die man drei Tage nicht betrachtet hat und deren Blüten inzwischen zu Boden gefallen sind.
Alles wandelt sich.
Alles ist vergänglich.

世の中は三日見ぬ間の桜かな
Yo no naka wa mikka minu ma no sakura ka na
Haven’t seen the cherry trees for three days during which their blossoms have fallen down.
Everything changes and nothing stands still.
All things must pass.

Anmerkung
Die obengenannte gedichtähnliche rhythmische Strophe zur Vergänglichkeit aller irdischen Dinge stammt von dem edo-zeitlichen (1603–1868) Dichter Ōshima Ryōta 大島蓼太 (1718–1787), der im Bezirk Ina in der Provinz Shinano geboren wurde, seine Kindheit in Edo verbrachte und dort auch weitgehend sein Arbeitsleben in Diensten des Tokugawa-Shogunates verlebte.

Kein Rauch ohne Feuer.

火のない所に煙は立たぬ
Hi no nai tokoro ni kemuri wa tatanu
Wo es nicht brennt, steigt auch kein Rauch auf.
Wo Rauch ist, ist auch Feuer.
Kein Rauch ohne Feuer.

火のない所に煙は立たぬ
Hi no nai tokoro ni kemuri wa tatanu
Flamma fumo est proxia.
Where there’s smoke, there’s fire.
There’s no smoke without fire.

Die Feder ist mächtiger als das Schwert.

ペンは剣よりも強し
(エドワード・ブルワー=リットン、1803年~1873年)
Pen wa ken yori mo tsuyoshi
Calamus gladio fortior.
La plume est plus puissante que l’épée.
The pen is mightier than the sword. (Edward Bulwer-Lytton, 1803–1873)

Anmerkung
Edward Bulwer-Lytton (1803–1873) legte Kardinal Richelieu in seinem Theaterstück Richelieu; or, The Conspiracy diesen Satz in den Mund. Auf Lateinisch (Calamvs Gladio Fortior) ist er zugleich das Motto der privaten japanischen Universität Keio (Keiō Gijuku Daigaku) in Tokyo. Sein Symbol sind zwei nach oben zeigende, gekreuzte Schreibfedern. Auf Japanisch gibt es als synonyme Entsprechung noch das Sprichwort Bun wa bu ni masaru 「文は武に勝る」, was in etwa bedeutet, dass das geschriebene Wort mächtiger sei als militärische Waffen.

Originalquelle
Bulwer-Lytton, Edward (1839): Richelieu; or, The Conspiracy. A Play, in Five Acts. To Which are Added, Historical Odes on The Last Days of Elizabeth; Cromwell’s Dream; The Death of Nelson. By the Author of the “Lady of Lyon,” “Eugene Aram” & c. First Edition. London: Saunders and Otley, S. 39.

Wenn die Katze aus dem Haus ist

鬼の居ぬ間に洗濯
Oni no inu ma ni sentaku
Sich frisch machen, wenn der Unhold aus dem Haus ist.
Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch.

鬼の居ぬ間に洗濯
Oni no inu ma ni sentaku
To refresh oneself when the ogre is away.
When the cat is away, the mice will play.

Das Fell des Bären

皮を売る前にまず熊を捕らえよ
Kawa o uru mae ni mazu kuma o torae yo
Don’t sell the skin till you have caught the bear.
Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist.

捕らぬ狸の皮算用
Toranu tanuki no kawazan’yō
Don’t sell the fur before catching the racoon dog.
Man soll das Fell des Marderhundes nicht verteilen, bevor er gefangen ist.