Häßliche Frauen sind leidenschaftlicher

悪女の深情け
Akujo no fukanasake
Ugly women are more passionate.
Häßliche Frauen sind leidenschaftlicher.

Anmerkung
Mit akujo 「悪女」 [1. Frau mit einem unguten Charakter. 2. Frau mit unschönen Gesichtszügen] sind in dieser sprichwörtlichen Redensart Trägerinnen eines von der Natur unterdurchschnittlich begünstigten Gesichts gemeint. Japanerinnen und Japaner können sie recht unterschiedlich benutzen. So willkommen die leidenschaftliche Liebe einer „häßlichen Frau“ für einen Mann auf der einen Seite sein mag, so eine „unwillkommene Gunst“ [arigata meiwaku 「ありがた迷惑」] sei ihre leidenschaftliche Eifersucht auf der anderen Seite. Als Beispielsatz wäre folgende Anwendung denkbar:
【用例】「私にはもったいない程、若くて美男子の彼を射止めることができたから、悪女の深情けにならないよう気をつけなければ」
Watashi ni wa mottainai hodo, wakakute bidanshi no kare o itomeru koto ga dekita kara, akujo no fukanasake ni naranai yō ki o tsukenakereba
„Wenn ich unverdientermaßen einen jungen, gutaussehenden Mann gewinnen sollte, muß ich aufpassen, nicht zu leidenschaftlich und zu eifersüchtig zu werden.“ [„(…), sonst verliere ich ihn rasch wieder.“ schwingt hier unausgesprochen mit.]

Der rechte Weg

「朝に道を聞かば、夕べに死すとも可なり」
Ashita ni michi o kikaba, yūbe ni shisu tomo ka nari
„Wenn ich am Morgen den rechten [Lebens-] Weg erführe, könnte ich am Abend ohne Bedauern und mit Frieden in der Seele sterben.“

「朝聞道,夕死可矣」
zhāo wén dào, xī sǐ kě yĭ
“If in the morning I were to gain knowledge of the correct path (in life), I would be able to die at sunset without regrets.”

Anmerkung
Das Original geht auf den chinesischen Gelehrten Konfuzius (ca. 551 v.u.Z. bis ca. 479 v.u.Z.) zurück und stammt aus dem „Lún Yǔ“ 論語 [Kurzzeichen 论语, jp. „Rongo“, deutsch „Gespräche des Konfuzius“, „Analekten des Konfuzius“ oder auch „Gesammelte Aussprüche des Konfuzius“].

Niemand ist vollkommen [2]

弘法にも筆の誤り
Kōbō ni mo fude no ayamari
Auch Kōbō Daishi verschreibt sich manchmal.
Manchmal schläft sogar der große Homer.
Irren ist menschlich.
Niemand ist vollkommen.

弘法にも筆の誤り
Kōbō ni mo fude no ayamari
Even Kōbō makes mistakes with the brush.
Even good old Homer nods.
To err is human.
Nobody is perfect.

Roß und Reiter nennen

歯に衣着せぬ
Ha ni kinu kisenu
Die Zähne kein Gewand tragen lassen.
Kein Blatt vor den Mund nehmen.
Roß und Reiter nennen.
Die Dinge beim Namen nennen.

歯に衣着せぬ
Ha ni kinu kisenu
Unclothed teeth.
Uncovered teeth.
Unhidden teeth.
To call a spade a spade.

Durch Fehler wird man klug.

失敗は成功の基
Shippai wa seikō no moto
Niederlagen sind die Grundlage für Erfolg.
Niederlagen sind die Pfeiler des Erfolgs.
Scheitern ist die Vorstufe des Erfolgs.
Lerne aus deinen Fehlern.
Scheitern ist der Schlüssel zum Erfolg.
Durch Fehler wird man klug.

失敗は成功の基
Shippai wa seikō no moto
Failure is the foundation of success.
Failure is a stepping stone to success.
Failure teaches success.
Learn from your mistakes.
Failure is the key to success.
We learn by our mistakes.

Einer für alle, alle für einen.

「一人は皆の為に、皆は一人の為に」
Hitori wa minna no tame ni, minna wa hitori no tame ni.
Un pour tous, tous pour un.
Unus pro omnibus, omnes pro uno.
One for all, all for one.
Einer für alle, alle für einen.

Der Unterschied liegt in der Differenz

五十歩百歩
Gojippo hyappo
Fünfzig Schritte oder hundert Schritte.
Das ist Jacke wie Hose.
Das ist gehüpft wie gesprungen.

五十歩百歩
Gojippo hyappo
Fifty steps or one hundred steps.
Six of one and half a dozen of the other.
It makes no odds.

Anmerkung
Die sprichwörtliche Redensart von den fünfzig oder hundert Schritten, die keinen Unterschied ausmachen, stammt aus der Zeit der Streitenden Reiche (5. Jh. v.u.Z. bis 221 v.u.Z.) beziehungsweise der östlichen Zhou-Dynastie (770–256 v.u.Z.) von dem chinesischen Gelehrten Mengzi 孟子 [ch. Mèngzǐ, jp. Mōshi, 372–289 v.u.Z., latinisiert Mencius]. Mengzi machte sich um die Durchsetzung des Konfuzianismus in China verdient, glaubte an das Gute in der menschlichen Natur und war ein früher Verfechter des Umweltgedankens unter besonderer Berücksichtigung von Nachhaltigkeit.

Eines Tages trifft König Hui 惠王 [ch. Huì Wáng, jp. Kei Ō] des Reiches Liang 梁 [ch. Liáng, jp. Ryō; vor der Hauptstadtverlegung nannte man das Reich eher Wei 魏 (ch. Wèi, jp. Gi)] Mengzi und klagt ihm sein Leid: Die Herrscher der benachbarten Reiche dächten beim Herrschen nicht – so wie er – an das Wohlergehen ihres Volkes; wenn sich zum Beispiel wegen einer Naturkatastrophe in Hedong eine Mißernte ereignet, hilft er seinem Volk selbstverständlich, versorgt es mit Lebensmitteln und siedelt es nach Henei um. Aber obwohl er ein so vorbildlicher, moderner Herrscher ist, wächst seine Bevölkerung genau so wenig wie die in den benachbarten Reichen mit altbackener Führung.

Was mag wohl der Grund sein, richtet er sich fragend an den Gelehrten. Mengzi denkt nach und antwortet sinngemäß: Seine Majestät mögen Kriege. Ich erlaube mir daher, den Krieg als Analogie zu benutzen. Auf dem Schlachtfeld läßt der Kampflärm den Himmel erschüttern. Zwei Armeen mögen sich in einer Pattsituation befinden, aber am Ende gibt es sicher einen Sieger und einen Verlierer. Die besiegten Soldaten werfen ihre Helme und ihre Rüstung weg und rennen flüchtend um ihr Leben. Manche fliehen fünfzig Schritte und halten an, während andere hundert Schritte laufen und abstoppen. Dann lachen die fünfzig Schritte Geflohenen über die Feigheit der hundert Schritte Enteilten. Denken seine Majestät, dass es hier angebracht sei, zu lachen? König Hui schlägt mit der Faust auf den Tisch und sagt: Natürlich nicht. Ganz gleich, ob sie fünfzig oder hundert Schritte fliehen, es sind die gleichen Deserteure. Mengzi erwidert lächelnd: Da seine Majestät den Sinn meiner Worte verstanden haben, können seine Majestät nicht erwarten, dass die Bevölkerung des Reiches Liang größer als die der Nachbarn ist.

Die Lüge [4]

嘘と坊主の頭はゆったことがない
Uso to bōzu no atama wa yutta koto ga nai
I have never told a lie and I have never tied up the queue of a buddhist monk.
Ich habe noch nie gelogen und noch nie den Zopf eines buddhistischen Mönches gebunden.

Anmerkung
Die sprichwörtliche Redensart Uso to bōzu no atama wa yutta koto ga nai 「嘘と坊主の頭はゆったことがない」 war ursprünglich ein witzig gemeintes Wortspiel im Edo-Dialekt (heute Tokyo), das mit einer Unmöglichkeit spielte, um zu betonen, daß man selbst bis dato noch nicht gelogen habe. Die beiden Elemente des Wortspieles lauten uso o yuu 「嘘を言う」 = lügen und (bōzu no) atama o yuu 「(坊主の)頭を結う」 = das Haar oder den Zopf (eines buddhistischen Mönches) zusammenbinden. Die offensichtliche Unmöglichkeit ist das Zusammenbinden des Zopfes eines buddhistischen Mönches, weil diese in Japan in der Edo-Zeit in der Regel einen kahlrasierten Kopf kultivierten. Die behauptete Gleichung von zwei Unmöglichkeiten unterstreicht die absolute Ehrlichkeit des Sprichwort-Benutzers.

Im alten Indien war das Rasieren des Kopfes eine der größten Erniedrigungen und galt als eine Art der Bestrafung für Kriminelle. Dieser Brauch verbreitete sich auch in Ostasien als rituelle und spirituelle Reinigung, entwickelte sich nach Zeit und Ort jedoch unterschiedlich. Das Kahlscheren galt und gilt in Japan noch heute als äußeres Zeichen für das Eingeständnis eines Fehlers und innere Buße. Im Buddhismus verbindet man mit den Haaren und der Sorge um die Schönheit der Haare niedere weltliche Gedanken und Ablenkung vom Bestreben nach Erleuchtung, gleichwohl die Handhabung dieses Brauches je nach Glaubensgemeinschaft sehr unterschiedlich war und ist.