Die Letzten werden die Ersten sein

「だが,多くの最初の者が最後に,最後の者が最初になるだろう。」(『マタイによる福音書 19:30』)
Da ga, ōku no saisho no mono ga saigo ni, saigo no mono ga saisho ni naru darō
“And many that are first, shall be last: and the last shall be first.” (The Gospel According to Matthew 19:30)
„Aber viele, die da sind die Ersten, werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein.“ (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 19, Vers 30)

Der Narr und der Weise [2]

物知り物知らず
Monoshiri monoshirazu
Wer so tut, als wisse er alles, bezeugt nur sein Unwissen.
Wer so tut, als wisse er alles, kennt die Wirklichkeit nicht.
Wer glaubt alles zu wissen, weiß gar nichts.

物知り物知らず
Monoshiri monoshirazu
He who pretends to know everything, witnesses his lack of knowledge.
A fool thinks himself to be wise, but a wise man knows himself to be a fool. (William Shakespeare)
A mere scholar is a mere ass.

Der herausstehende Nagel wird eingeschlagen.

出る釘は打たれる
Deru kugi wa utareru
Der herausstehende Nagel wird eingeschlagen.
Ein herausragender Nagel muß eingeschlagen werden.
Nonkonformität wird kritisiert und bestraft.

出る釘は打たれる
Deru kugi wa utareru
The nail that sticks out gets hammered down.
Non-conformity will be subject to criticism and punishment.

出る杭は打たれる
Deru kui wa utareru
Der herausstehende Pfosten wird eingeschlagen.
Konformität und Anpassung wird ermutigt, Nonkonformität kritisiert und bestraft.

出る杭は打たれる
Deru kui wa utareru
The stake that sticks out gets hammered down.
Conformity gets encouraged, non-conformity will be subject to criticism and punishment.

Anmerkung
Als Grundton schwingt in den obigen Sprichwörtern mit, dass mit Kritik und Maßregelung rechnen muss, wer vorlaut ist und sich ungebeten einmischt. Häufig genügt aber auch schon ein – tatsächlicher oder eingebildeter – Erfolg, der einem nicht gegönnt wird. Die zum Klischee gewordene sprichwörtliche Redensart vom herausragenden Nagel [釘 kugi] beziehungsweise Pfosten [杭 kui], der eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt und deshalb eingeschlagen werden muss – jemand könnte ja in den Nagel treten beziehungsweise vor den Pfosten laufen –, werden nicht selten auch im übertragenen Sinne herangezogen, um falsche Gegensätze über „östliche“ und „westliche“ Gesellschaften zu konstatieren; zum Beispiel, dass erstere so schrecklich kollektivistisch und letztere so wunderbar individualistisch seien. Für die Mär, in Japan gäbe es keinen Individualismus oder er würde vom Kindergarten an permanent und systematisch unterdrückt, kann man selbstverständlich Anhaltspunkte finden, aber als Abstraktion und vernichtendes Pauschalurteil über ein ganzes Gesellschaftssystem, geht diese Interpretation definitiv zu weit.

Deru kugi wa utareru 出る釘は打たれる und Deru kui wa utareru 出る杭は打たれる sind synonyme sprichwörtliche Redensarten. Anstelle von Deru kui wa utareru wird auch Sashideru kui wa utareru 差し出る杭は打たれる benutzt. Die bildhafte japanische Redewendung vom Nagel beziehungsweise Pfosten verweist im übertragenen Sinne auch auf die in praktisch allen menschlichen Gesellschaften vorkommende Gefühlsregung des – mehr oder weniger hart erarbeiteten – Neids und der Eifersucht gegenüber vergleichsweise beliebt[er]en und/oder erfolgreich[er]en Zeitgenossen und Zeitgenossinnen. Eine synonyme sprichwörtliche Redensart lautet „Hohe Bäume fangen viel Wind.“ [Kōboku wa kaze ni oraru 高木は風に折らる].

Genie und Wahnsinn

天才と狂人は紙一重
Tensai to kyōjin wa kami hitoe
Zwischen dem Genie und dem Verrückten ist nur ein dünnes Blatt Papier.
Zwischen Genie und Wahnsinn liegt ein schmaler Grat.

天才と狂人は紙一重
Tensai to kyōjin wa kami hitoe
Between a genius and a madman is a sheet of paper.
There is only a fine line between genius and madness.

Andere Länder, andere Sitten!

郷に入っては郷に従え
Gō ni itte wa gō ni shitagae
Betrittst du ein Dorf, so folge seinen Regeln.
Wenn du in Rom bist, verhalte dich wie ein Römer!
Andere Länder, andere Sitten!

郷に入っては郷に従え
Gō ni itte wa gō ni shitagae
Obey the customs of the village you enter!
Every country has its own customs.
When in Rome, do as the Romans do!

Glück und Unglück liegen nahe beieinander. [2]

「人間万事塞翁が馬」
Ningen banji sai ō ga uma
Alles im menschlichen Leben ist wie die Geschichte vom Pferd des alten Mannes.
Glück im Unglück, Unglück im Glück
In allem Schlechten liegt das Gute im Ansatz schon verborgen.
Es hat alles sein Gutes.
Glück kann jederzeit in Unglück umschlagen und umgekehrt.
Glück und Unglück liegen nahe beieinander.

「人間万事塞翁が馬」
Ningen banji sai ō ga uma
Everything in human life is like the story about the horse of the old man.
Misfortune begets fortune, and fortune begets misfortune.
A setback may turn out to be a blessing in disguise.
Every cloud has a silver lining.
A joyful evening may follow a sorrowful morning.
Joy and sorrow are today and tomorrow.

Anmerkung
Die obengenannte japanische Redewendung stammt ursprünglich aus China und ist eine sprichwörtliche Redensart [ch. chéngyǔ 成语 / 成語, jp. seigo], die auf einer alten Begebenheit [ch. gùshì 故事, jp. koji seigo 故事成語] beruht. Auf Japanisch kann Ningen banji sai ō ga uma「人間万事塞翁が馬」 auch Sai ō ga uma 「塞翁が馬」 abgekürzt werden. Und ningen 「人間」 kann auch jinkan gelesen werden. Chinesischen Grund- und Mittelschülern begegnet das obenstehende Gleichnis der untenstehenden Erzählung in etwa wie folgt: „War es nicht letztlich ein Glück, dass dem Alten an der Grenze sein Pferd davonlief?“ [「塞翁失马,焉知非福」 Sài wēng shī mǎ, yān zhī fēi fú]. Die Parabel kann daher auch frei „Glück im Unglück, Unglück im Glück“ übersetzt werden.

Kurze Zusammenfassung: Im alten China wohnte im nördlichen Grenzland in der Nähe einer Festung ein älterer Mann, der sich auf Zeichendeutung verstand. Sein Pferd entlief ihm eines Tages in das Gebiet der Xiongnu 匈奴 [ch. Xiōngnú, jp. Kyōdo], einem Volk von Reiternomaden. Die Leute hatten Mitleid mit ihm, aber er glaubte fest an eine positive Wendung: Das Glück wird mir bald wieder lachen. Und tatsächlich. Nach einiger Zeit kam sein Pferd zusammen mit einem anderen, viel edleren Pferd aus dem Gebiet der Xiongnu zurück. Die Leute beglückwünschten ihn wegen des rassigen Pferdes, und er dachte deshalb bei sich: Das wird nicht gut enden. Und so kam es auch. Als sein Sohn eines Tages auf dem neuen Pferd ritt, fiel er herunter und brach sich ein Bein. Als die Leute ihm einen Krankenbesuch abstatteten und ihn bedauerten, dachte der Greis bei sich: Das Unglück wird sicher bald wieder in Glück umschlagen. Und so kam es auch. Als die Xiongnu später im Grenzgebiet angriffen, wurde sein Sohn als Kranker nicht zum Kriegsdienst eingezogen, sondern davon befreit und wurde deshalb weder verletzt noch getötet, wie die meisten waffentauglichen Freiwilligen damals.

Als ursprüngliche Quelle der sprichwörtlichen Redensart aus dem Gleichnis gilt das chinesische philosophische Werk Huainanzi [ch. Huáinánzǐ 《淮南子》, jp. Enanji/Wainanji 『淮南子』] der Frühen Han-Dynastie (206 v.u.Z.–8 n.u.Z.). Ursprünglich wurde es als Honglie [ch. Hóngliè《鴻烈》] bezeichnet, ist aber auch bekannt unter den Werktiteln Huainan honglie [ch. Huáinán hóngliè 《淮南鴻烈》], Huainan neipian [ch. Huáinán nèipiān 《淮南內篇》], Huainan wangshu [ch. Huáinán wángshū 《淮南王書》] und Liuanzi [ch. Liúānzǐ 《劉安子》]. Der letztgenannte Liu An 劉安 (179–122 v.u.Z.) [ch. Liú Ān, jp. Ryū An] war der König von Huainan, heute eine Millionenstadt in der südöstlichen Binnenprovinz Anhui, und fungierte als gelehrter König zugleich als leitender Herausgeber des großenteils daoistischen Werkes, mit konfuzianischen und legalistischen Einschlägen.

Erfahrung ist der beste Lehrer.

門前の小僧習わぬ経を読む
Monzen no kozō narawanu kyō o yomu
Die Laufburschen vor dem Tempeltor rezitieren Sutren, die sie im Vorbeigehen gelernt haben.
Gebrauch thut mehr, als aller Меister Lehr.
Die Übung macht allein die kunsterfahrne Meister. /
Es kommen nicht zum Zwek, blos denkend, scharfe Geister.
Übung macht den Meister.
Erfahrung ist der beste Lehrer.

門前の小僧習わぬ経を読む
Monzen no kozō narawanu kyō o yomu
A shop‐boy near a temple will recite Buddhist scriptures without being taught.
A boy living near a Buddhist temple can learn an untaught sutra by heart.
A saint’s maid quotes Latin.
Solus et artifices qui facit, usus erit.
A good candleholder proves a good gamestar.
Experience is the best teacher.

Anmerkung
Diese sprichwörtliche Redensart steht auf der 45. von 48 Karten des traditionellen Iroha-Kartenspiels von Edo (Edo Iroha Karuta), heute Tokyo.

Wer wagt, gewinnt oder verliert.

当たって砕けろ
Atatte kudakero
Nutze die Gelegenheit, aber sei darauf gefaßt, pulverisiert zu werden.
Versuche dein Bestes und rechne gleichzeitig damit, zerschmettert zu werden.
Einen Versuch ist es vielleicht wert.
Was kann es schaden, wenn man es versucht?
Streng dich an, wenn du alles auf eine Karte setzt!
Geh auf’s Ganze, und lass es darauf ankommen!
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Wer wagt, gewinnt oder verliert.

当たって砕けろ
Atatte kudakero
Try your best but be ready to get pulverized.
Take your chance and be prepared to crumble into dust.
Go for broke.
Take your venture, as many a good ship has done.
Sed quid tentare nocebit?
Nothing ventured, nothing gained.
You win or lose by the way you choose.
You win or lose by the way you try.

Anmerkung
Ein menschlich-allzumenschliches Anwendungsbeispiel ist das weite Feld von Yin und Yang. Ein Zeitgenosse, der möglicherweise seine Scheu überwindet, würde sich auf Japanisch unter Abwägung seiner Chancen auf Sieg und Niederlage eventuell wie folgt Mut machen, um seiner Angebeteten tiefempfundene Gefühle der Zuneigung zu gestehen: „Atatte kudakero da, furareru kakuritsu mo takai ga, kokuhaku no chansu o nogashitakunai.“ 「当たって砕けろだ、ふられる確率も高いが、告白のチャンスを逃したくない。」 = „Einen Versuch ist es vielleicht wert; die Wahrscheinlichkeit, einen Korb zu bekommen, ist groß, aber die Gelegenheit für ein Liebesgeständnis möchte ich mir nicht entgehen lassen.“

Nimm dich in Acht, was du zu wem sagst.

人を見て法を説け
Hito o mite hō o toke
Erst schau dir die Zuhörer an, dann halte deine Predigt.
Spalte das Holzscheit nach der Maserung.
Nicht jeder Braten mundet allen Mündern.
Nimm dich in Acht, was du zu wem sagst.

人を見て法を説け
Hito o mite hō o toke
Tailor your speech to the audience.
Cleave the log according to the grain.
All meat pleases not all mouths.
Beware what and to whom you speak.