Japanische Einrichtungen für Schwerionentherapie forcieren Kooperation zur Krebsbekämpfung

Fünf japanische Einrichtungen für moderne Formen der Strahlentherapie haben im Juli 2017 den Nationalen Rat der Gründer von Einrichtungen für Schwerionentherapie [jp. Zenkoku Jūryūshisen Chiryō Shisetsu Setsuritsusha Kyōgikai 全国重粒子線治療施設設立者協議会] ins Leben gerufen. Der Rat will als Sprachrohr nach innen und außen fungieren, die therapeutischen Leistungen der Schwerionentherapie noch weiter zu verbessern und nicht zuletzt auch ihren Preis senken, damit sie für einen größeren Kreis von Krebspatientinnen und -patienten erschwinglicher wird. Dahinter steht auch der Wunsch und Wille nach Weltmarkterschließung.

In Japan wurde die Protonen- und Schwerionentherapie [engl. proton and heavy ion therapy; jp. yōshi, jūryūshisen chiryō 陽子 ・重粒子線治療] schon relativ früh als vielversprechende Speerspitze der modernen Präzisionsmedizin grundlegend erforscht, weshalb diese Form externer Strahlentherapie mittlerweile nicht nur die experimentellen und klinischen Phasen hinter sich gelassen hat, sondern auch schon wertvolle Behandlungsdaten von Erkrankten im fünfstelligen Bereich vorweisen kann. Die Fachwelt beeindruckende Erfolge konnte bei einer Reihe von Krebsarten, wie zum Beispiel bei Hirntumoren, sowie bei lokal begrenzten Tumoren und vorher zum Teil schwer bis gar nicht zu therapierenden Krebserkrankungen nachgewiesen werden.

Mitglieder des obengenannten Rates sind das Nationale Institut für Radiologische Wissenschaften [engl. National Institute of Radiological Sciences, NIRS; jp. Hōshasen Igaku Sōgō Kenkyūjo 放射線医学総合研究所病院, kurz Hōiken 放医研] in Chiba – in Japan und weltweit eine der führenden Einrichtungen der diagnostischen und interventionellen Radiologie –, das Medizinische Zentrum Hyogo für Ionenstrahlen [engl. Hyogo Ion Beam Medical Center, HIBMC; jp. Hyōgo Kenritsu Ryūshisen Iryō Sentā 兵庫県立粒子線医療センター] in Tatsu, das Medizinische Zentrum für schwere Ionen der Universität Gunma [engl. Gunma University Heavy Ion Medical Center; jp. Gunma Daigaku Jūryūshisen Igaku Kenykyū Sentā 群馬大学重粒子線医学研究センター] in Maebashi, das Internationale Schwerionen-Krebsbehandlungszentrum Kyushu [SAGA HIMAT = SAGA Heavy Ion Medical Accelerator in Tosu; für den Organisationsnamen und den Schwerionenbeschleuniger wird auf Englisch und auf Japanisch der Einfachheit halber häufig die Abkürzung SAGA HIMAT synonym benutzt; die japanische Bezeichnung der Einrichtung lautet Kyūshū Kokusai Jūryūshisen Ganchiryō Sentā 九州国際重粒子線がん治療センター] in Tosu und das Krebszentrum Kanagawa [engl. Kanagawa Cancer Center; jp. Kanagawa Kenritsu Gan Sentā 神奈川県立がんセンター] in Yokohama.

Im Rahmen der Schwerionentherapie treffen sehr stark beschleunigte schwere Ionen (Teilchenstrahlen) die Krebszellen präziser und sind biologisch wirksamer als zum Beispiel konventionelle Röntgenstrahlen. Die Dosis kann genauer an den Tumor angepaßt werden, und benachbarte gesunde Zellen oder Organe sind weniger von Streustrahlung betroffen. Ein großer Nachteil für Erkrankte waren bislang die hohen privat aufzubringenden Kosten der Schwerionentherapie, die sich auf rund fünf Millionen Yen belaufen konnten, exklusive Nachbehandlungen. Seit 2016 wird in Japan ein Teil der Behandlungskosten von der Krankenkasse gedeckt. Bei den in Japan mehr als 10.000 bislang behandelten Erkrankten handelt es sich also um wohlhabendere Menschen, nicht zuletzt auch aus Übersee, überwiegend aus dem englischen, chinesischen und russischen Sprachraum. In Zukunft sollen mehr Behandlungszentren mit größeren Kapazitäten im In- und Ausland entstehen und die Behandlung insgesamt kostengünstiger werden.

Die japanischen Behandlungserfolge basieren zum großen Teil auf der von der Universität Tsukuba von 1983 bis zum Jahr 2000 mit dem Synchrotron-Teilchenbeschleuniger [Proton Synchrotron, PS] der japanischen Forschungsorganisation für Hochenergiebeschleuniger [engl. Japan’s High Energy Accelerator Research Organization, jp. Kō Enerugī Kasokuki Kenkyū Kikō = KEK, kurz KEK-PS] durchgeführten Protonenstrahltherapie sowie auf der seit 1993/94 geleisteten Arbeit mit dem NIRS-Schwerionenbeschleuniger [engl. Heavy Ion Medical Accelerator in Chiba, HIMAC; jp. Jūryūshisen Ganchiryō Sōchi 重粒子線がん治療装置 bzw. Chiba ni aru jūion iryō-yō kasokuki 「千葉にある重イオン医療用加速器」] in Chiba.

Im Bereich der Schwerionentherapie fällt vor allem die Dynamik des Baus neuer Einrichtungen und der Ausweitung vorhandener Forschungs-, Entwicklungs- und vor allem Behandlungskapazitäten im In- und Ausland auf. Das Yamagata-Universitätskrankenhaus [engl. Yamagata University Hospital; jp. 山形大学医学部附属病院 Yamagata Daigaku Igakubu Fuzoku Byōin] baut gerade an einer neuen Behandlungseinrichtung für Schwerionentherapie. Das neue Osaka-Schwerionen-Krebszentrum [engl. Osaka Carbon Ion Cancer Center; jp. Ōsaka Jūryūshisen Ganchiryō Shisetsu 大阪重粒子線がん治療施設] befindet sich im Bau und soll in Osaka im Stadtbezirk Chuo im Jahr 2018 den Betrieb aufnehmen.

Die Schwerionentherapie soll eine alltägliche Form der Behandlung für Krebskranke im In- und Ausland werden und mit anderen Behandlungsformen wie der Immuntherapie etc. kombiniert angewendet werden. Im Vordergrund der aktuellen Aufgaben steht eine Miniaturisierung der Behandlungsanlagen und -apparate und eine Verbilligung der therapeutischen Maßnahmen. Ein besonderes japanisches Problem sind die enormen Baukosten. Im Laufe von fünf bis zehn Jahren sollen drei oder vier japanische Einrichtungen für Schwerionentherapie auch in den USA entstehen. Japan kooperiert auf dem Gebiet der Ionenstrahltherapie auch mit Südkorea. Im Rahmen einer Forschungskooperation mit dem NIRS [Hōiken] entsteht gerade eine neue Einrichtung für Schwerionentherapie am Krebszentrum der privaten Universität Yonsei [Yonsei University] in Seoul, die im Jahr 2021 in Betrieb gehen soll.

Japanische Unternehmen exportieren also nicht nur Hochtechnologie für Medizin, Forschung und Industrie, sondern auch Know-how für die Errichtung und den Betrieb von Krebstherapiezentren. Die neueste, hochkarätige japanische Forschungs- und Entwicklungskooperation im Bereich der Medizintechnologie wurde vor acht Monaten zwischen QST, Mitsubishi, Hitachi, Toshiba und Sumitomo geschlossen und hat die Entwicklung eines „Quanten-Skalpells“ [engl. quantum scalpel; jp. ryōshi mesu 量子メス] zum Inhalt.