Eiswand am F1-KKW offiziell betriebsbereit

Arbeiter auf dem Gelände des Fukushima-Daiichi-Kernkraftwerkes (F1-KKW) von TEPCO [Tokyo Electric Power Company Holdings, Inc.] haben am 22. August 2017 von 9 bis 9:30 Uhr die Ventile der Gefrierrohre auf dem bergseitig-westlich gelegenen, sieben Meter langen letzten Abschnitt der idealiter in naher Zukunft wasserundurchlässigen „Eiswand“ [engl. frozen-soil shielding wall oder auch frozen soil wall, jp. tōdo shasuiheki 凍土遮水壁, kurz tōdoheki 凍土壁] um die Reaktorgebäude und die Maschinenhäuser der F1-KKW-Reaktoren Nr. 1 bis 4 geöffnet. Die Eiswand ist somit vollumfänglich betriebsbereit und in Betrieb genommen. Wie lange es dauern wird, bis auf den letzten sieben Metern Gefrierkörper um die Gefrierrohre entstehen und sich zu größeren Frostkörpern im Boden zusammenfügen, hängt von der Fließgeschwindigkeit des Grundwassers ab, die hier relativ groß ist. Man rechnet mit etwa zwei bis drei Monaten. Die Ortsdosisleistung der Arbeiter während ihres Einsatzes soll laut TEPCO 100 Mikrosievert pro Stunde betragen haben.

Die Eiswand ist etwa 1,5 Kilometer lang, 5 bis 6 Meter dick und 30 Meter tief. Die Eiswand durchziehen 1.568 Gefrierrohre mit einem Durchmesser von jeweils etwa 10 Zentimetern. Als Kühlflüssigkeit beziehungsweise Kälteträger dient nicht Flüssigstickstoff, sondern eine wässrige Lösung von Kalziumchlorid. Jede der installierten 30 Kältemaschinen soll 70 Tonnen für 24 Stunden auf minus 30 Grad Celsius gefrieren lassen können. In 85 Zentimeter Entfernung von den Gefrierrohren verteilen sich 360 Glasfaserthermometer, um die Bodentemperatur im Vollbetrieb ständig überprüfen zu können. Darüber hinaus dienen 82 Brunnen zur ständigen Beobachtung des Grundwasserspiegels.

Zweck der in diesem Maßstab weltweit erstmals verwirklichten Bodenvereisung ist ein Schutzwall gegen eindringendes Grundwasser seit der Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011 (Erdbeben, Riesenflutwelle, Kernschmelzen in den Reaktoren Nr. 1 bis 3). Lange Zeit strömten täglich rund 300 bis 400 Tonnen [Kubikmeter] Grundwasser in die zerstörten Kernreaktorgebäude des F1-KKW hinein und zum Teil auch wieder heraus. Dabei wurde es unvermeidlicherweise radioaktiv kontaminiert. Der ingenieurwissenschaftlichen Theorie nach soll die wasserundurchlässige Eiswand die Wasserkontaminations- und Stilllegungsprobleme des Betreibers TEPCO wenn nicht lösen, so doch erheblich reduzieren.

Hauptvertragsnehmer für die Eiswand ist seit Ende 2013 die weltweit tätige Baufirma Kajima AG [Kajima Corporation, jp. Kajima Kensetsu KK 鹿島建設株式会社]. Über die Technologie zur Bodenvereisung verfügt in Japan neben Kajima nur noch das mittelgroße Unternehmen Chemical Grouting Co., Ltd. [jp. Kemikaru Gurauto KK]. Die Eiswand wurde nicht auf einmal abrupt als Ganzes in Betrieb genommen, sondern nach Abschnitten stufenweise, um die Auswirkungen und den Wirkungsgrad messen und erforderlichenfalls leichter gegensteuern zu können; wenn der Grundwasserspiegel als Folge des Eiswandbetriebes sinken sollte, könnte der Wasserspiegel in den Reaktorgebäuden steigen und das kontaminierte Wasser austreten, so eine Befürchtung der beteiligten Ingenieure und Wissenschaftler. Zu so einem Austritt kam es tatsächlich am 2. August bei einem Brunnen in der Nähe des Reaktors Nr. 4, das Ganze blieb jedoch örtlich begrenzt. Die erste Kältemaschine hatte am 31. März 2016 den Betrieb aufgenommen.

Die Kosten für die Eiswand hat nicht TEPCO beglichen, sondern die Regierung mit bislang etwa 34,5 Milliarden Yen (etwa 260 bis 300 Millionen Euro) Steuergeldern finanziert. Für den laufenden Betrieb sind aktuell eine Milliarde Yen (rd. 8 Millionen Euro) pro Jahr veranschlagt. TEPCO-Geschäftsführer Naohiro Masuda – bis 2011 Leiter des Fukushima Daini-Kernkraftwerkes (F2-KKW), seit April 2014 in Personalunion Präsident des Unternehmens zur Dekontamination und Stilllegung des F1-KKW [engl. Fukushima Daiichi Decontamination and Decommissioning Engineering Company, jp. Fukushima Daiichi Hairo Suishin Kanpanī 福島第一廃炉推進カンパニー] – gab sich vor dem 22. August vorsichtig optimistisch, aber schon vor der Inbetriebnahme gab es erhebliche Zweifel am Wirkungsgrad der Eiswand, nicht zuletzt auch von Seiten der japanischen Atomaufsichtsbehörde sowie verschiedener beteiligter Ministerien.

Masato Kino, der zuständige Beamte für Reaktorstilllegung und Maßnahmen gegen kontaminiertes Wasser im Amt für Bodenschätze und Energie (ANRE) [Agency for Natural Resources and Energy, jp. Shigen Enerugī Chō 資源エネルギー庁] unter der Ägide des Wirtschaftsministeriums sagte in diesem Zusammenhang, dass die Eiswand eine von mehreren Maßnahmen zur Verringerung der Wasserkontamination auf dem Gelände des F1-KKW sei. Hiermit dürften unter anderem das Umleiten von Grundwasser, die Grundwasser-Drainagebrunnen, das Abpumpen und das technisch machbare Dekontaminieren gemeint sein. Mit der Schließung des letzten Abschnitts der Eiswand versprechen sich TEPCO und das Wirtschaftsministerium eine Verringerung der Einströmungsmenge von Grundwasser auf unter 100 Tonnen pro Tag. Von einer bergseitigen „wasserundurchlässigen Eiswand“ im strengen wörtlichen Sinne kann also noch keine Rede sein, schon gar nicht monokausal.

TEPCO-Vorstand Takashi Kawamura sagte Mitte Juli 2017 vor Medienvertretern unter dem Druck von bereits dicht an dicht in Metalltanks auf dem Gelände des F1-KKW stehenden 800.000 Tonnen Wasser in einem in Japan vielbeachteten Interview, dass die Entscheidung, das zu etwa drei Vierteln um 62 Radionuklide – darunter Cäsium und Strontium – dekontaminierte Wasser [mit bislang unfilterbarem Tritium (Halbwertszeit 12,32 Jahre)] ins Meer abzulassen, „bereits gefallen“ sei, was zu einem Sturm der Entrüstung nicht nur bei lokalen Fischereigenossenschaften geführt hat.

Geld kann man nicht essen.

「最後の木が切られたとき、
Saigo no ki ga kirareta toki
最後の川が毒されたとき、
saigo no kawa ga dokusareta toki
最後の魚が釣られたとき、
saigo no sakana ga tsurareta toki
ようやくあなたは、
yōyaku anata wa
お金が食べられないことを悟るだろう」
o-kane ga taberarenai koto o satoru darō

“Only after the last tree has been cut down,
only after the last river has been poisoned,
only after the last fish has been caught,
then will you find that money cannot be eaten.”

„Erst wenn der letzte Baum gerodet,
der letzte Fluß vergiftet,
der letzte Fisch gefangen ist,
werdet ihr merken, daß man Geld nicht essen kann.“

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

案ずるより産むが易し
Anzuru yori umu ga yasushi
Gebären ist leichter als man befürchtet hat.
Etwas ist wesentlich einfacher als vorher erwartet.
Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

案ずるより産むが易し
Anzuru yori umu ga yasushi
Giving birth to a baby is easier than worrying about it.
An attempt is sometimes easier than expected.
Things are never as bad as they seem.

Not macht erfinderisch.

必要は発明の母
Hitsuyō wa hatsumei no haha
Notwendigkeit ist die Mutter der Erfindung.
Armut lehrt alle Künste.
Not macht erfinderisch.

必要は発明の母
Hitsuyō wa hatsumei no haha
Paupertas artes omnes perdocet.
Poverty teaches all the arts.
Necessity is the mother of invention.

Der Mond und die chinesische Weichschildkröte

月と鼈
Tsuki to suppon
Der Mond und die chinesische Weichschildkröte.
Gewisse Ähnlichkeiten im äußeren Erscheinungsbild aufweisen, wie der Mond und eine Schildkröte, oder bei der Herkunft, wie Geschwister, doch im Grunde sehr verschieden sein.
Ein Unterschied wie Tag und Nacht.

月と鼈
Tsuki to suppon
The moon and the Chinese softshell turtle.
As burr around the moon bodes wind and rain.
As different as chalk and cheese.

Wer viel von sich redet

「自分について多くを語るのは、
自分を隠す手段でもある。」
(フリードリヒ・ニーチェ、1844年~1900年)
Jibun ni tsuite ōku o kataru no wa,
jibun o kakusu shudan de mo aru
“Talking much about oneself
can also be a means to conceal oneself.”
„Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen.“ (Friedrich Nietzsche, 1844–1900)

Der Zweck heiligt die Mittel.

嘘も方便
Uso mo hōben
Die Umstände können eine Lüge rechtfertigen.
Lügen darf man, wenn’s notfällig ist.
Der Zweck heiligt die Mittel.

嘘も方便
Uso mo hōben
Circumstances may justify a lie.
A necessary lie is harmless.
The end justifies the means.

Ein kleiner Spiegel

「わが顔があつた小さい鏡買うてもどる」
(尾崎放哉、1885年~1926年)
Waga kao ga atta chiisai kagami katte modoru
“I bought a tiny mirror with my face in it and went home.”
„Ich kaufte einen kleinen Spiegel mit meinem Gesicht darin und ging nach Hause.“ (Hōsai Ozaki, 1885–1926)

Japanische Einrichtungen für Schwerionentherapie forcieren Kooperation zur Krebsbekämpfung

Fünf japanische Einrichtungen für moderne Formen der Strahlentherapie haben im Juli 2017 den Nationalen Rat der Gründer von Einrichtungen für Schwerionentherapie [jp. Zenkoku Jūryūshisen Chiryō Shisetsu Setsuritsusha Kyōgikai 全国重粒子線治療施設設立者協議会] ins Leben gerufen. Der Rat will als Sprachrohr nach innen und außen fungieren, die therapeutischen Leistungen der Schwerionentherapie noch weiter zu verbessern und nicht zuletzt auch ihren Preis senken, damit sie für einen größeren Kreis von Krebspatientinnen und -patienten erschwinglicher wird. Dahinter steht auch der Wunsch und Wille nach Weltmarkterschließung.

In Japan wurde die Protonen- und Schwerionentherapie [engl. proton and heavy ion therapy; jp. yōshi, jūryūshisen chiryō 陽子 ・重粒子線治療] schon relativ früh als vielversprechende Speerspitze der modernen Präzisionsmedizin grundlegend erforscht, weshalb diese Form externer Strahlentherapie mittlerweile nicht nur die experimentellen und klinischen Phasen hinter sich gelassen hat, sondern auch schon wertvolle Behandlungsdaten von Erkrankten im fünfstelligen Bereich vorweisen kann. Die Fachwelt beeindruckende Erfolge konnte bei einer Reihe von Krebsarten, wie zum Beispiel bei Hirntumoren, sowie bei lokal begrenzten Tumoren und vorher zum Teil schwer bis gar nicht zu therapierenden Krebserkrankungen nachgewiesen werden.

Mitglieder des obengenannten Rates sind das Nationale Institut für Radiologische Wissenschaften [engl. National Institute of Radiological Sciences, NIRS; jp. Hōshasen Igaku Sōgō Kenkyūjo 放射線医学総合研究所病院, kurz Hōiken 放医研] in Chiba – in Japan und weltweit eine der führenden Einrichtungen der diagnostischen und interventionellen Radiologie –, das Medizinische Zentrum Hyogo für Ionenstrahlen [engl. Hyogo Ion Beam Medical Center, HIBMC; jp. Hyōgo Kenritsu Ryūshisen Iryō Sentā 兵庫県立粒子線医療センター] in Tatsu, das Medizinische Zentrum für schwere Ionen der Universität Gunma [engl. Gunma University Heavy Ion Medical Center; jp. Gunma Daigaku Jūryūshisen Igaku Kenykyū Sentā 群馬大学重粒子線医学研究センター] in Maebashi, das Internationale Schwerionen-Krebsbehandlungszentrum Kyushu [SAGA HIMAT = SAGA Heavy Ion Medical Accelerator in Tosu; für den Organisationsnamen und den Schwerionenbeschleuniger wird auf Englisch und auf Japanisch der Einfachheit halber häufig die Abkürzung SAGA HIMAT synonym benutzt; die japanische Bezeichnung der Einrichtung lautet Kyūshū Kokusai Jūryūshisen Ganchiryō Sentā 九州国際重粒子線がん治療センター] in Tosu und das Krebszentrum Kanagawa [engl. Kanagawa Cancer Center; jp. Kanagawa Kenritsu Gan Sentā 神奈川県立がんセンター] in Yokohama.

Im Rahmen der Schwerionentherapie treffen sehr stark beschleunigte schwere Ionen (Teilchenstrahlen) die Krebszellen präziser und sind biologisch wirksamer als zum Beispiel konventionelle Röntgenstrahlen. Die Dosis kann genauer an den Tumor angepaßt werden, und benachbarte gesunde Zellen oder Organe sind weniger von Streustrahlung betroffen. Ein großer Nachteil für Erkrankte waren bislang die hohen privat aufzubringenden Kosten der Schwerionentherapie, die sich auf rund fünf Millionen Yen belaufen konnten, exklusive Nachbehandlungen. Seit 2016 wird in Japan ein Teil der Behandlungskosten von der Krankenkasse gedeckt. Bei den in Japan mehr als 10.000 bislang behandelten Erkrankten handelt es sich also um wohlhabendere Menschen, nicht zuletzt auch aus Übersee, überwiegend aus dem englischen, chinesischen und russischen Sprachraum. In Zukunft sollen mehr Behandlungszentren mit größeren Kapazitäten im In- und Ausland entstehen und die Behandlung insgesamt kostengünstiger werden.

Die japanischen Behandlungserfolge basieren zum großen Teil auf der von der Universität Tsukuba von 1983 bis zum Jahr 2000 mit dem Synchrotron-Teilchenbeschleuniger [Proton Synchrotron, PS] der japanischen Forschungsorganisation für Hochenergiebeschleuniger [engl. Japan’s High Energy Accelerator Research Organization, jp. Kō Enerugī Kasokuki Kenkyū Kikō = KEK, kurz KEK-PS] durchgeführten Protonenstrahltherapie sowie auf der seit 1993/94 geleisteten Arbeit mit dem NIRS-Schwerionenbeschleuniger [engl. Heavy Ion Medical Accelerator in Chiba, HIMAC; jp. Jūryūshisen Ganchiryō Sōchi 重粒子線がん治療装置 bzw. Chiba ni aru jūion iryō-yō kasokuki 「千葉にある重イオン医療用加速器」] in Chiba.

Im Bereich der Schwerionentherapie fällt vor allem die Dynamik des Baus neuer Einrichtungen und der Ausweitung vorhandener Forschungs-, Entwicklungs- und vor allem Behandlungskapazitäten im In- und Ausland auf. Das Yamagata-Universitätskrankenhaus [engl. Yamagata University Hospital; jp. 山形大学医学部附属病院 Yamagata Daigaku Igakubu Fuzoku Byōin] baut gerade an einer neuen Behandlungseinrichtung für Schwerionentherapie. Das neue Osaka-Schwerionen-Krebszentrum [engl. Osaka Carbon Ion Cancer Center; jp. Ōsaka Jūryūshisen Ganchiryō Shisetsu 大阪重粒子線がん治療施設] befindet sich im Bau und soll in Osaka im Stadtbezirk Chuo im Jahr 2018 den Betrieb aufnehmen.

Die Schwerionentherapie soll eine alltägliche Form der Behandlung für Krebskranke im In- und Ausland werden und mit anderen Behandlungsformen wie der Immuntherapie etc. kombiniert angewendet werden. Im Vordergrund der aktuellen Aufgaben steht eine Miniaturisierung der Behandlungsanlagen und -apparate und eine Verbilligung der therapeutischen Maßnahmen. Ein besonderes japanisches Problem sind die enormen Baukosten. Im Laufe von fünf bis zehn Jahren sollen drei oder vier japanische Einrichtungen für Schwerionentherapie auch in den USA entstehen. Japan kooperiert auf dem Gebiet der Ionenstrahltherapie auch mit Südkorea. Im Rahmen einer Forschungskooperation mit dem NIRS [Hōiken] entsteht gerade eine neue Einrichtung für Schwerionentherapie am Krebszentrum der privaten Universität Yonsei [Yonsei University] in Seoul, die im Jahr 2021 in Betrieb gehen soll.

Japanische Unternehmen exportieren also nicht nur Hochtechnologie für Medizin, Forschung und Industrie, sondern auch Know-how für die Errichtung und den Betrieb von Krebstherapiezentren. Die neueste, hochkarätige japanische Forschungs- und Entwicklungskooperation im Bereich der Medizintechnologie wurde vor acht Monaten zwischen QST, Mitsubishi, Hitachi, Toshiba und Sumitomo geschlossen und hat die Entwicklung eines „Quanten-Skalpells“ [engl. quantum scalpel; jp. ryōshi mesu 量子メス] zum Inhalt.