Japan hat weltweit die höchste Lebenserwartung

Das japanische Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales [engl. Ministry of Health, Labour and Welfare, MHLW; jp. Kōsei Rōdōshō 厚生労働省, kurz Kōrōshō 厚労省] veröffentlicht alle fünf Jahre eine vollständige Sterbetafel [engl. complete life table, jp. kanzen seimeihyō 完全生命表]. Die Sterbetafel ist ein demografisches Modell zur Errechnung von Sterbewahrscheinlichkeiten in den einzelnen Altersjahren und gibt auch Auskunft über die geschlechtsspezifische durchschnittliche Lebenserwartung. Eine nach Geschlechtern getrennte Längsschnittbetrachtung ermöglicht dem Ministerium eine zusammenfassende genauere Beurteilung der Sterblichkeitsverhältnisse der japanischen Bevölkerung unabhängig von seiner Größe und Altersstruktur.

Die durchschnittliche Lebenserwartung lag demnach im Jahr 2015 für Frauen bei 86,99 Jahren (2014: 86,83 Jahre), für Männer bei 80,75 (2014: 80,50 Jahre). Im Vergleich zur vollständigen Sterbetafel von 2010 war die Lebenserwartung für Frauen um 0,69 Jahre und für Männer um 1,2 Jahre angestiegen. Die errechneten Sterbe- und Überlebenswahrscheinlichkeiten sind bei der alle fünf Jahre erstellten vollständigen Sterbetafel genauer als bei der jährlich erstellten abgekürzten Sterbetafel [engl. abridged life table, jp. kan’i seimeihyō 簡易生命表], weil letztere auf Bevölkerungsschätzungen und erstere auf den tatsächlich registrierten Sterbefällen über ein halbes Jahrzehnt hinweg im Rahmen der fünfjährlich erfolgenden Volkszählung beruht. Somit wurde die auf der Datengrundlage der abgekürzten Sterbetafel im Juli 2016 veröffentlichte durchschnittliche Lebenserwartung für das Jahr 2015 von 87,05 Jahren für Frauen um 0,06 Jahre und von 80,79 Jahren für Männer um 0,04 Jahre leicht nach unten korrigiert. Japaner und Japanerinnen haben trotz dieser statistischen Berichtigung im internationalen Vergleich aktuell die höchste Lebenserwartung. Im japaninternen Geschlechtervergleich leben Frauen mehr als sechs Jahre länger als Männer, was Ernährungswissenschaftler bisweilen etwas monokausal mit der hypokalorischen Ernährungsweise vieler Japanerinnen erklären.

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Japan lag in der vormodernen Edo-Zeit (1603–1867) bei rund 30 Jahren. Von der Meiji-Zeit (1868–1912) bis zum 21. Jahrhundert ist sie etwa um ein halbes Jahrhundert auf über 80 Jahre gestiegen. Der wichtigste Grund für diese dramatische Entwicklung wird allgemein darin gesehen, dass das Sterberisiko von Säuglingen, Kleinkindern und Heranwachsenden seit der Industrialisierung signifikant gesenkt werden konnte.

Im Vorjahr des Ersten Weltkrieges (1913) lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 42,06 Jahren für Männer und bei 43,20 Jahren für Frauen. Im Laufe von 100 Jahren stieg sie somit um rund 40 Jahre an. Der verbesserten Hygiene, dem medizinischen Fortschritt in Form von Geburtshilfe und Schutzimpfungen etc. kommt das größte Verdienst für diese Entwicklung zu. Der japanischen Arbeits- und Lebensweise zumindest dürfte die außergewöhnliche Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung allein nicht geschuldet sein. Zudem handelt es sich um einen statistischen Durchschnittswert.

Tokugawa Ieyasu 徳川家康 (1543–1616), der erste „Oberbefehlshaber zur Unterwerfung der Barbaren“ [offizieller Titel, jp. 征夷大将軍 Seii Taishōgun, kurz Shōgun 将軍], mit dessen Amtszeit die Edo-Zeit (1603–1867) begann, und sein Enkel Tokugawa Mitsukuni 徳川光圀 (1628–1701), eventuell bekannter als Mito Kōmon 水戸黄門), erster Fürst [Daimyō 大名] der Domäne Mito, wurden beide in der frühen Edo-Zeit 73 Jahre alt und waren nicht die einzigen. Die alte Volksweisheit „Lieber reich und gesund als arm und krank.“ trifft den Kern der Ursachen hier wohl nur tendenziell. Als Hauptgründe für eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur rund 30 Jahren in der Edo-Zeit gelten neben der bereits erwähnten Säuglings- und Kindersterblichkeit Hungerkrisen, Infektionskrankheiten und Naturkatastrophen.